Gedanken über Papst em. Benedikt XVI
von Paul Badde (Le Figaro)

Am Ende seiner Amtszeit hat Benedikt XVI. seinen Fischerring zertrümmern lassen, wie es nach dem Tod eines Papstes üblich ist. Seinen Namen hingegen hat er nicht zurückgegeben. Er ist nicht mehr zu Joseph Ratzinger geworden, wie Papst Coelestin V., der am 13. Dezember 1294 nach wenigen Monaten im Amt wieder zu Pietro di Morrone wurde. Seit dem 11. Februar 2013 ist das Papstamt deshalb nicht mehr, was es vorher war. Fundament der katholischen Kirche wird es bleiben. Doch diesen Grund hat Benedikt XVI. nachhaltig verändert und er hat es so souverän getan wie Karl V., als der am 25. Oktober 1555 in Brüssel die Krone des mächtigsten Reiches der Erde nieder legte. Kein Wunder, dass danach ein Blitz in die Peterskuppel einschlug. Benedikt XVI. ist als Revolutionär zurück getreten.

Im neuen Jahrtausend war er der erste Nachfolger des Apostels Petrus. Herausforderungen ohne Zahl hatten auf ihn gewartet, denen er als leidenschaftlicher Bewahrer des gesamten Glaubensgutes entgegen trat. Sein letztes Amt aber hat der große Konservative dennoch nüchterner und moderner betrachtet als fast alle seine Vorgänger. Als Theologe wusste er, wie schwach schon Simon war, dem Jesus den Namen Petrus (Felsen) verliehen hatte. Doch Fels ist Fels. Als Benedikt XVI. gewahr wurde, dass er zerbröselte, trat er zurück, um angesichts übermenschlicher Aufgaben einem felsenfesten Nachfolger den Weg frei zu machen. Er tat es als oberster Brückenbauer zwischen auseinander driftenden Universen, als er am 11. Februar in Rom auf Lateinisch erklärte, dass seine Kräfte nicht mehr ausreichten, „den Petrusdienst in angemessener Weise auszuüben“.

Das Schlüsselwort dieser Erklärung ist der Begriff „Munus Petrinum“. Das lateinische Munus hat eine vielfältige Bedeutung. Es kann Dienst oder Geschenk heißen, Aufgabe, Leitung, Opfer - bis hin zu Wunderwerk. Als „petrinischen Dienst“ aber versteht Benedikt seine Aufgabe vor und nach dem Rücktritt. Diesen Dienst hat er mit seinem Schritt vom 11. Februar 2013 nicht verlassen. Er hat das personale Amt damit ergänzt um eine kollegiale Dimension, als gemeinsamen Dienst. Seitdem gibt es keine zwei Päpste, aber ein erweitertes Amt. Darum hat er weder den weißen Habit noch seinen Namen abgelegt. Darum zog er sich auch nicht wie Kaiser Karl V. in ein Kloster im fernen Spanien zurück, sondern in das Innere des Vatikans – als sei er nur beiseite getreten, um seinem Nachfolger und einer neuen Etappe in der Geschichte des Papsttums Raum zu geben, das er mit diesem Schritt bereichert hat um ein Kraftwerk des Rats und Gebets in den Vatikanischen Gärten. Er ist vor dem Petrus-Amt nicht geflohen. Er hat es potenziert. Das wird bleiben.

Doch wer wird seine Bücher in 100 Jahren noch lesen, die er seinem Pontifikat wie ein Herkules abgetrotzt hat? Das weiß keiner. Lesen wird man von ihm gewiss aber auch dann noch ein Dokument, das er nicht selbst geschrieben, sondern im wohl unscheinbarsten Schritt seines Amtes wieder enthüllt hat. Es war kein Buch, sondern ein Bild-Dokument.Das ist das „nicht von Menschenhand geschaffene Bild“ Christi, das im Lauf der Jahrhunderte viele Namen hatte. Es ist das „Heilige Schweißtuch“, das „Wahre Bild“ oder der „Schleier der Veronika“, der von 706 bis 1527 in Sankt Peter aufbewahrt und davor im Byzantinischen Reich als „Mandylion“ oder als „Abgarbild“ verehrt wurde. Es ist ein überaus zartes Schleierbild auf Muschelseide, das in den Wirren des „Sacco di Roma“ aus dem Petersdom verschwand und höchstwahrscheinlich von Ferdinando de Alarcon, dem spanischen Kommandeur der Engelsburg, damals zu einem abgelegenen Hügel der Abruzzen in Sicherheit gebracht wurde. Seit damals galt es als verschollen. Seit damals galt es als Legende, und es brauchte wohl einen Platoniker wie Benedikt XVI., um die Nachricht von solch einem Urbild ganz und gar ernst zu nehmen, als er am 1. September 2006 in Manoppello als erster Papst nach 479 Jahren wieder sein Knie davor beugte.

Seit diesem Tag wurde „das menschliche Gesicht Gottes“ zum Siegel seines Pontifikats. In seiner Predigt zum neuen Jahr verwies er am 1. Januar 2013 sechzehn Mal darauf; in einer der letzten General-Audienzen vom 16. Januar erwähnte er es dreißig Mal. Das ist sein Vermächtnis. Gott ist Mensch geworden und wir haben ein Bild vom Antlitz des unsichtbaren Gottes. Es ist das Alleinstellungsmerkmal der Christenheit, das Benedikt XVI. in die Geschichte zurück getragen hat. Er hat diesen Urtext wieder entdeckt: als kosmisches Speicherchip der Erinnerung, das bis zum Ende der Tage auf unerhörte Weise weiter von der Auferstehung Christi von den Toten erzählen wird.