Vincenzo De Gregorio

„Mit dem Gesang betet ihr und regt zum Gebet an"

Benedikt XVI. und die Kirchenmusik

In diesen Tagen, in denen das Ereignis des Rücktritts Benedikts XVI. Überlegungen zu einem Überblick über die lebhaftesten und offensten Fragen im Leben der Kirche seiner Pontifikatsjahre geradezu aufzwingt, verdient auch die Aufmerksamkeit, die der Papst der Musik gewidmet hat, eine nähere Betrachtung.

In der Rückschau auf die Ereignisse des zu Ende gehenden Pontifikates erscheint der Gedanke einzigartig, dass der glänzende Geist Benedikts XVI. niemals ein einziges Steinchen des Mosaikes vernachlässigt hat, das uns heute als Katholiken repräsentiert. Am gleichen Tag, als der Papst mit einem Motu Proprio die Finanzstrukturen des Heiligen Stuhles reorganisierte, sprach er auch über die Musik in der Kirche. Die Gelegenheit bot sich ihm anlässlich des 36. Internationalen Kongresses der Pueri Cantores in Rom mit der Ansprache, die er am 30.12.2010 an die Teilnehmer richtete.

An diesem Tag betonte Benedikt XVI. einmal mehr, dass in der Kirche die Begegnung von Glaube und Vernunft, von althergebrachter Schönheit und moderner Unruhe stattfindet, die Hinwendung des Glaubenden, der die Zeichen des Geistes sucht, welcher kontinuierlich in der Geschichte weiterwirkt. Die Vorsehung, so der Papst, „hat der Musik und dem Gesang die Aufgabe anvertraut, über die Grenzen des Wortes hinauszugehen. Mit der Musik erhält die natürliche Sehnsucht jedes menschlichen Wesens eine Stimme, Gott mit Liedern der Liebe zu verherrlichen." Während im Motu Proprio über die vatikanischen Finanzen die gesamte Kirche an die vorrangige Aufgabe der Solidarität erinnert wurde (Grundmotiv der Beschäftigung mit Geld), wies der Papst am gleichen Tag - zusätzlich zu dem bereits angedeuteten der Begegnung von Glaube und Vernunft - auf ein zweites Motiv für die Liebe der Kirche zur Musik hin: die Pflicht zur spirituellen Solidarität, verkörpert durch die Musik als „Hilfe, Herzen und Geist im Gebet zu erheben". Die Kirchenmusik, fügte er hinzu, erfüllt auch die Aufgabe, mit ihrer tiefen und nie völlig ausdrückbaren Faszination der ganzen Menschheit den Weg zur Zukunft zu weisen, denn „die Musik vermittelt einen Vorgeschmack der himmlischen Liturgie, in der die Chöre der Engel und der Heiligen sich in einem unaufhörlichen Lied der Liebe vereinen". Der Papst schrieb also über den Aufbau einer solidarischen Zukunft zwischen Kirche und Welt, basierend zum einen auf dem Bereich der Ökonomie, und zum anderen auf dem der Musik, „durch die Verpflichtung, die universale Gottesstadt aufzubauen, auf die sich die gemeinsame Geschichte der Völker und Nationen hinbewegt."

Vor dem Hintergrund der Gedanken des Papstes zur Liturgie und in ihr der Musik tauchen sehr sachte Spuren von etwas auf, was Romano Guardini in der Tiefe des gesamten katholischen Gedankenguts des 20. Jahrhunderts hinterlassen hat. Guardini zeigt in seinem Schreiben über die Liturgie, dass das Leben des Glaubenden eben gerade dank der Liturgie zu einer lebendigen Erfahrung wird, und nicht nur zu einem einfachen intellektuellen Gedanken. Folglich realisiert sich das Glaubensleben in einer grundlegenden gemeinschaftlichen Dimension - als lebendige Erfahrung. Diese ist nach dem deutschen Theologen eine der ersten Formulierungen der Solidarität der Glaubenden mit der Welt.

Ein zweiter, im Denken des Papstes sehr präsenter Aspekt der Musik in der Kirche ist die Partizipation der gesamten Schöpfung an der Verherrlichung des Schöpfer -  und Vatergottes. Daher tragen Ökonomie, Kunst und Musik gemeinsam mit anderen Ausdrucksformen des menschlichen Geistes und der menschlichen Sensibilität dazu bei, die Menschheitsgeschichte in der Partizipation des ganzen Kosmos an eben dieser Aufgabe zu verwirklichen: Der lebendige Mensch ist Gottes Verherrlichung. „Mit dem Gesang betet ihr und regt zum Gebet an, und ihr nehmt Teil am Gesang und am Gebet der Liturgie, die die gesamte Schöpfung in der Verherrlichung des Schöpfers umfasst", so erinnerte Benedikt XVI. die Teilnehmer der Jahrestagung der Associazione Santa Cecilia am 12.12.2012(http:://www.vatiean.va/holy_father/ benedict_xvi/speeches/2012/november/ documents/hf ben - xvi_spe_20121110_ santa - cecil iahe. html, 1.3.2013, 21.00). In diesem Zusammenhang sprach der Papst einen oft von seinen Exegeten vernachlässigten Aspekt an. Er zitierte die Konstitution Sacrosanctum Concilium (Nr. 119) und betonte die Bedeutung der Kirchenmusik in der Mission „ad gentes" durch die Tatsache, dass die Kirchenmusiker die Aufgabe haben, den „musikalischen Traditionen der Völker gebührende Wertschätzung entgegen zu bringen". Benedikt XVI. erinnerte in einer einzigen Aussage an die Botschaft des Konzils, gemäß der die Kirche niemals eine einzelne künstlerische Ausdrucksform bevorzugt und niemals Entstehen und Entwicklung neuer künstlerischer Ausdrucksformen im Dienst von Liturgie und Glauben ausgeschlossen habe. „Die große musikalische Tradition der Kirche wiederaufzugreifen und aufzuwerten , die im Gregorianischen Choral und in der Mehrstimmigkeit zwei ihrer höchsten Ausdrucksformen besitzt", wird vom Papst als eine der Aufgaben derjenigen angezeigt, die sich mit liturgischem Gesang beschäftigen (vgl. Sacrosanctum Concilium Nr. 116). Benedikt XVI. weist ganz offensichtlich  -  während er Gregorianik und Polyphonie zu den „höchsten Ausdrucksformen" rechnet - auch auf all die anderen Ausdrucksformen hin, die sich in der Musikgeschichte dank der Kirchenmusik entwickelt haben.

Denn die gewaltige abendländische Musik kommt aus der Einstimmigkeit des Gregorianischen Chorals (Ausdruck des altrömischen liturgischen Gesanges, der in ganz Europa mit regionalen Charakteristiken Wurzeln schlug) und in der Folge aus den ersten Formen der Mehrstimmigkeit und deren komplexer Entwicklungen in jeder Region des Kontinents. Aus den „hohen Ausdrucksformen", die niemals ausschließlich blieben, entstand zuerst die Instrumentalmusik, dann die instrumental begleitete Vokalmusik, und schließlich die großartige begleitete Monodie, die im kirchlichen Bereich in die große Literatur der kirchlich - religiösen Musik und im weltlichen Bereich in die epische Musik, in das Geschichtstheater der Oper mündete.

Der Aufmerksamkeit des gebildeten und erleuchteten Geistes Benedikts XVI. entgeht nicht die „rezeptive" Rolle des Gottesvolkes. Am Ende seiner Ansprache an die italienischen Sänger der Associazione  S. Cecilia betonte er, dass die „aktive Teilnahme des ganzen Gottesvolkes an der Liturgie nicht nur im Sprechen besteht, sondern auch im Hören, in der Aufnahme des Wortes mit den Sinnen und dem Geist ... ihr könnt das Herz vieler Menschen in den Liturgiefeiern zum Singen anregen". Im ausgewogenen zelebrativen Gleichgewicht der Funktionen von Chor, Musikern, Gemeindeversammlung und Priestergesängen wird das Kriterium deutlich, mit dem die Liturgiereform des II. Vaticanums der Liturgie Würde und pastoralen Wert verleihen wollte. Schon in dem von Vittorio Messori herausgegebenen Interviewbuch (Zur Lage des Glaubens, 1985) merkte er [Ratzinger] zum Thema der Richtung, in die sich das Konzil für eine „aktive" Teilnahme des Gottesvolkes bewegte, an: „Ist im Vernehmen, Aufnehmen, Ergriffensein wirklich nichts „Aktives“? Liegt hier nicht eine Verkürzung des Menschlichen vor, eine Reduktion auf das mündlich Fassbare, obwohl wir heute wissen, dass  das, was in uns rational bewusst an die Oberfläche tritt, nur wie die Spitze eines Eisberges ist, verglichen mit unserer Ganzheit? Sich dies zu fragen, bedeutet sicherlich nicht, sich dem Bemühen um den Gesang des ganzen Volkes und der „Gebrauchsmusik“  entgegenzustellen: Es bedeutet, sich einer Ausschließlichkeit (nur jene Musik) entgegenzustellen, die sich weder vom Konzil noch von den pastoralen Notwendigkeiten her rechtfertigen läßt." (Joseph Ratzinger, Zur Lage des Glaubens. Ein Gespräch mit Vittorio Messori, München u. a. 1985, S. 133)

Die Gefahr des „Abdriften", die jede Innovation in der Geschichte der liturgischen Musik gekennzeichnet hat, ist Benedikt XVI. sehr wohl bewusst. Die Vision des Wissenschaftlers, der Erfolg und Scheitern jedes Ereignisses im Kontext zu erklären weiß, wird schon sehr lange Zeit vor dem Ruf auf den Stuhl Petri sichtbar. In der „Einführung in den Geist der Liturgie" hatte er mit der Abgeklärtheit des Historikers betrachtet, was er als „einen gefährlichen Hinterhalt" definierte: „Die Kirchenmusik entfaltet sich nicht mehr aus dem Gebet heraus, sondern fährt mit der nun beanspruchten Autonomie des Künstlerischen aus der Liturgie heraus, wird Selbstzweck" (Joseph Ratzinger, Der Geist der Liturgie. Eine Einführung, in: ders., Theologie der Liturgie. Die sakramentale Begründung christlicher Existenz (= JRGS 11), Freiburg'2010, S. 129). Es ist die Grenzüberschreitung, die Konzilien, Päpste und Bischöfe beunruhigt und zahlreiche Interventionen provoziert hat.

Was ist nun das Heilmittel gegen das „Abdriften" (gestern wie heute) einer Musik, die die Verbindung zum Gottesvolk und seinem Recht bzw. seiner Pflicht, die Herrlichkeit des Herrn in Fülle zu feiern, verloren hat?

Als Antwort auf diese Frage bezieht sich der Papst, der einen langen Teil seines Lebens mit großer Leidenschaft mit universitärer Forschung und Lehre verbracht hat, auf die Ausbildung. Diesem gestern wie heute fundamentalen Aspekt der Kirche widmet er seine ganze Aufmerksamkeit in dem Brief vom 13.5.2011 an den Kardinalpräfekten der Bildungskongregation zum hundertjährigen Jubiläum der Gründung der Päpstlichen Kirchenmusikschule (http://wwwvatican.va/holy_father/ benedict xvi/letters/2011/documents/ hf ben - xvi_let_20110513—musica - sacra_ it.html, 3.3.2013, 13.00).Er [Benedikt XVI.] erinnert daran, dass die Schaffung eines „Zentrums für Studium und Lehre" das Motiv war, aus dem heraus die Schule nach dem Willen und der pastoralen Sensibilität Pius X. entstand. Der Papst erinnert daran, dass die ein Jahrhundert zuvor von seinem Vorgänger durchgeführte tiefgreifende Reform sich auf die traditionelle Abwehr der Kirche gegen die von der profanen Musik, „speziell der Oper", ausgeübten Einflüsse gründete. Aber bekanntermaßen nahm die Reform ihren Anfang aus dem kirchlichen und musikalischen Umfeld der deutschen Kirche. Nicht ohne Grund wurde die Bewegung des Cäcilianismus in Deutschland geboren und verbreitete sich in Italien ein Jahrzehnt später. Auch in diesem Dokument erläutert Benedikt XVI. den Sinn der Kirchenmusik: „den Sinn für Gebet, Würde und Schönheit; die vollständige Verbindung mit den liturgischen Texten und Gesten; die Beteiligung der Gemeindeversammlung, und schließlich die legitime Anpassung an die lokale Kultur unter gleichzeitiger Bewahrung der Universalität der Ausdrucksweise; der Primat des Gregorianischen Chorals als oberstes Modell der Kirchenmusik und die ausgewogene Würdigung anderer Ausdrucksformen". Und wieder einmal gibt das kluge Gleichgewicht der Ideen Benedikt XVI. niemandem das Recht, „konservativ" oder „progressiv" zu sein. Er schließt seinen Brief mit dem Hinweis, dass „das Subjekt der Liturgie die Kirche ist, und es ist Gott, der durch die Kirche zelebriert, und dass die Liturgie und in der Konsequenz die Kirchenmusik von einer korrekten und beständigen Verbindung von gesunder Tradition und berechtigtem Fortschritt lebt".

Für den Fortschritt, auf den sich der Papst bezieht, musste in den Jahrzehnten nach der konziliaren Reform ein gigantisches Problem bewältigt werden: als Ersatz für ein immenses Repertoire liturgischer Musik in lateinischer Sprache, angehäuft in rund 1500 Jahren, ex novo nicht nur ein einziges neues Repertoire hervorbringen zu müssen, sondern sehr viele, so viele, wie es Sprachen gibt, die in der Liturgie der Ortskirchen der Welt verwendet werden. Benedikt XVI. hielt es nicht für erforderlich, näher auf diese Problematik einzugehen, die objektiv und umfassend einige katastrophale Erfahrungen im liturgischen Gesang der letzten Jahre erklärt, wenn er sich diskret in die teilweise polemischen Debatten über diesen Aspekt der Liturgiereform einschaltete. Wenn man ein anderes Element nennen sollte, das im liturgisch-musikalischen Lehramt des Papstes fehlt, so ist es der religiöse Volksgesang. Am Horizont der Kirche und der Völker lauert eine Gefahr: die nationalen und regionalen Sprachgemeinschaften sind gerade in Europa dabei, schrittweise ihre Identität zu verlieren, und die neuen Generationen, die sich intensiv mit dem Phänomen der Globalisierung auseinandersetzen müssen, sprechen nicht mehr die Sprachen und die lokalen Dialekte ihrer Väter. Dieses Phänomen berührt in großem Ausmaß auch das immense Erbe des religiösen Volksgesanges, der Gefahr läuft, im Laufe der Jahrzehnte vollständig aufgegeben, weil vergessen zu werden. Wir wissen nur zu gut, welchen Schaden die Verwüstung angerichtet hat, die durch die Eliminierung aller liturgischen Andachtsformen hervorgerufen wurde, die nicht durch intellektualistische und verkopfte Liturgien kompensiert werden konnten.

Dieser kurze Blick auf die Kirchenmusik im Denken und in den Schriften Benedikts XVI. hebt eine Tatsache hervor: das Gleichgewicht zwischen „Alt" und „Neu" erfordert Bewertungskriterien, die die Vorgabe der konziliaren Kirche unbedingt beachten: den Respekt vor der Liturgie als dem besten Bildungsraum für die Gläubigen hinsichtlich Glaube und Nächstenliebe. Bezüglich der Kirchenmusik ist deshalb zum Beispiel die Situation des liturgischen Gesanges nach der Liturgiereform in Frankreich eine andere als in Italien, wo das historisch bedingte Fehlen musikalischer Erziehung in der Schule ein enormes Vakuum und als dessen Folge einige Versuche liturgischer Gesänge ohne jedes musikalische Format, oft von Stegreif-Autoren banaler Texte und geistloser Musiken, verursachte. Eine Nation wie Deutschland, die Hunderte von aktiven Orchestern bewahrt und unterhält, bildet eine Zivilgesellschaft heran, die von Natur aus und kulturell für bestimmte musikalische Ausdrucksformen in der Liturgie bereit ist. In anderen Ländern (wie zum Beispiel Italien) gibt es weniger als zehn aktive Orchester.

Und schließlich: eine Sache ist der liturgische Gesang in den sprachlichen und musikalischen Regionen westlicher Prägung - eine andere ist derjenige der Kirchen, die in anderen sprachlichen und künstlerischen Kulturen beten. „Die Tradition", schreibt Benedikt XVI. in Fortführung der Worte des Konzils, „ist eine lebendige Realität und beinhaltet daher in sich das Prinzip der Entwicklung und des Fortschritts". Die „Archäologen" sind Wächter einiger Phänomene, die die Tradition erklären und stützen, die aber nicht die Tradition sind.

Zitate Papst em. Benedikt XVI. über die Kirchenmusik

Autor dieses Beitrages:

Vincenzo De Gregorio
geboren auf Capri, studierte Klavier bei Emilia Gubitosi und Komposition bei Alading Di Martino. Nach der humanistischen Ausbildung bei den Barnabiten setzte er sein Studium an der päpstlichen Universität Urbaniana in Rom fort, am Päpstlichen Institut für Kirchenmusik besuchte er die Kurse für Orgelspiel und Komposition bei Alessandro Santini und`Vieri Tosatti. Nach der Prüfung für das Lehramt an Gymnasien und dem Diplom in Orgel und Komposition war er Direktor des staatlichen Musikkonservatoriums in Avellino und des Konservatoriums San Pietro a Majella in Neapel, wo er bis heute lehrt. Er ist Organist der Basilika S. Chiara, Kapellmeister und Organist am Dom von Neapel, dort auch Prälat der Reale Cappella del Tesoro di San Gennaro sowie musikalischer Berater der Italienischen Bischofskonferenz. Seit September 2012 ist er Direktor des Papstlichen Instituts für Kirchenmusik in Rom.

Beitrag und Zitate aus der Zeitschrift "Musica Sacra", 2/2013